Predigt im „Castor - Gottesdienst" 2002,
in der St.-Johannis-Kirche zu Dannenberg

Mit uns sei die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft im Geiste Gottes!

Liebe Gemeinde,
nun sind wir also wieder besetztes Land. So empfinde ich es. Seit Tagen ist es überall auf Schritt und Tritt zu sehen, zu hören und zu fühlen. Täglich werden es mehr Besatzer, als müßten immer mehr von ihnen anrücken, um auf die vorher schon Angekommenen aufzupassen. Und das alles zynischerweise wieder in der Jahreszeit, die das Aufpassen besonders belastend macht.

All das geschieht im Auftrag unserer Regierungen. Aber was sind das für Regierungen, die das Land, in dem sie doch ohnehin regieren, auch noch besetzen zu müssen meinen? Was ist das für eine Politik, die ihre menschenverachtende und hoch-gefährliche Energiewirtschaft durchsetzt, indem sie Land besetzt und Bürger in Haft nimmt? Auf Überzeugung und Überzeugen ist sie jedenfalls nicht gegründet. Und damit mißachtet sie den Grundwert jeder menschlichen Gemeinschaft und insbesondere jeder Demokratie. Denn die erfordert und braucht mündige, überzeugte Bürgerinnen und Bürger. Die klägliche Hilflosigkeit und Angst, die sich hinter dem Aufmarsch bewaffneter Macht gegen Bürger zugleich versteckt wie offenbart, zerstört täglich demokratisches Vertrauenskapital, welches umso notwendiger ist, je mehr der Republik Finanzkapital fehlt.

Aber wir lernen in diesen Tagen nicht nur, zu was Regierungen fähig sind. Wir lernen auch, was Bürgerinnen und Bürgern alles einfällt, die sich die Wahrnehmung ihrer Grundrechte nicht nehmen lassen. Ich kann es nur mit Staunen und Bewunderung erleben. Wie soll der „Stolz auf Deutschland", der von interessierter Seite immer wieder angemahnt wird, eigentlich wachsen, wenn das, worauf Deutsche in unsern Tagen wirklich stolz sein können - das phantasievolle, beharrliche Eintreten von Bürgerinnen und Bürgern für Lebens- und Menschenrechte -, mit Gewalt von oben niedergehalten wird?

Beharrliches Eintreten für das Überleben, Mehrheiten, Minderheiten, gerechtes und ungerechtes Handeln - darum geht es auch in der Geschichte, zu der ich Sie gern hinführen möchte. Sie steht im 18. Kapitel des ersten Buches der Bibel:

Gott sprach: „Die Klage über Sodom und Gomorrha ist groß, ihre Untat schwer. Ich will hinabsteigen und sehen, ob alle so gehandelt haben, wie die Anklage lautet, oder nicht."
Da stellte sich Abraham vor Gott hin - unglaubliche Kühnheit -,
trat näher an ihn heran und sprach: „Willst du wirklich Gerechte mit Gottlosen vernichten? Wenn nun 50 Gerechte in der Stadt sind. Willst du die wirklich mitvertilgen und nicht vielmehr der ganzen Stadt vergeben um der 50 Gerechten willen, die in ihr sind? Das kann doch nicht sein, daß es dem Gerechten nicht anders ergehen soll als dem Gottlosen. Muß nicht der, der über die ganze Welt richtet, auch selbst gerecht handeln?"
Gott antwortete: „Finde ich in Sodom 50 Gerechte, will ich um ihretwillen der ganzen Stadt vergeben!"
Doch Abraham setzte wieder an und sagte: „Nochmals unterfange ich mich, zu dir zu reden, obwohl ich nur Staub und Asche bin. Aber wenn nun an den 50 Gerechten 5 fehlen sollten. Willst du dann dennoch die ganze Stadt verderben wegen der 5, die an den 50 fehlen?"
Gott aber entgegnete: „Ich will nicht vernichten, wenn ich dort 45 finde."
Abraham aber ließ nicht locker und sprach: „Vielleicht finden sich ja nur 40."
Da sprach Gott: „Ich will nicht strafen um der 40 willen."
Abraham aber gab noch nicht auf und sagte: „Zürne nicht, Herr, wenn ich noch einmal rede. Vielleicht findest du nur 30 dort."
Gott sprach: „Ich wills nicht tun, wenn ich dort 30 finde."
Darauf noch einmal Abraham: „Noch einmal unterfange ich mich, zu meinem Herrn zu sprechen, ungefragt. Nimm an, du findest dort nur 20."
Gott sprach: „Auch wenn ich nur 20 finde, werde ich nicht vernichten."
Da faßte sich Abraham ein letztes Mal ein Herz: „Mein Herr, bitte, zürne nicht, wenn ich nur diesmal noch davon wieder anfange. Wenn es nur 10 Gerechte gibt dort."
Gott sprach: „Auch wenn nur 10 sich finden, werde ich nicht vernichten."
Dann wandte er sich um und ging und setzte dem Gespräch mit Abraham ein Ende. Der aber kehrte heim zu seinem Wohnort.

Beharrliches Eintreten für Lebende und Leben, Minderheiten, Mehrheiten, Ungerechte und Gerechte - davon handelt diese Geschichte. Ein einzelner kämpft sich hartnäckig mit seinen Fragen durch: Abraham, wahrhaftig kein Gewaltmensch, wahrhaftig kein Revoluzzer, aber ein mutiger Zeuge seiner Fragen und Zweifel, bereit, selbst mit Gott darüber in Streit zu geraten. Abraham, Vater dreier Religionen, die sich auf ihn berufen: der jüdischen, der christlichen und der islamischen. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn alle drei Religionen ihrem Stammvater in dieser Sache folgten.

Minderheit und Mehrheit - in dieser archaischen Geschichte kommt bereits der Ausgangspunkt jeder Demokratie und zugleich ihr Dilemma zur Sprache. Formal heißt Demokratie ja: herausfinden, wer oder was von der Mehrheit befürwortet wird, und dies zur Geltung bringen. Auch die Minderheit muß es hinnehmen. Sie soll dafür als solche Schutz genießen, so daß sie ungehindert selber Überzeugungsarbeit für ihre Sicht der Dinge leisten und selbst für Mehrheiten werben kann. Das ist der demokratische „Deal", die rationale Legitimierung der Macht. Sie wird bereits dann hinfällig, wenn die Minderheit daran gehindert wird, ihre Überzeugung offen zu vertreten.

Aber Abraham interessiert sich nicht für einen „Deal" zwischen Mehrheit und Minderheit. Seine bohrende Frage reicht tiefer. Abraham fragt, ob es, wenn es um das Überleben aller geht, überhaupt noch ein Spiel zwischen Mehrheit und Minderheit geben kann, ob also in Überlebensfragen anscheinende demokratische Mehrheiten das letzte Wort haben können. Abraham, angetrieben durch seinen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn, fragt sich durch bis zum Dilemma jeder Demokratie. Es besteht eben darin, daß die Überlebensfrage aller einer Mehrheit in die Hand gegeben wird, die sie unter Umständen gar nicht als solche versteht - von anderen Einschränkungen in dieser Sache ganz zu schweigen.

Die Lage, die Abraham umtreibt, ist die unsere. Die Bedrohung, die von der fortgesetzten Nutzung der lebengefährdenden Atomenergie ausgeht, steht genau an der Stelle, an der in unserer Geschichte das angekündigte Gottesgericht steht. Auch der Maß-stab, an dem „gerecht" und „ungerecht" gemessen wurden, ist der bis heute hier im Wendland entscheidende: die Gemeinschaftsschädlichkeit eines Wirtschaftens, welches das Zusammenleben und Überleben von Generationen bedroht. „Gottlos" nennt die Bibel dies Verhalten. Gottlos ist die Fracht, die von der Atomindustrie produziert, dann zusammengeführt und „aufgearbeitet" wurde und nun ein weiteres Mal vor menschlichen Siedlungen und Haustüren ausgekippt werden soll. „Gottlos" nennt die Bibel dies. Es bedroht alle, die Mehrheit nicht weniger als die Minderheit.

Abraham, der Vater des Glaubens an den lebendigen Gott, stellt dagegen seine Fragen, unerschrocken, unbotmäßig. Sein Thema ist wichtig genug. Er stellt die Überlebensfrage in Gestalt der Gerechtigkeitsfrage: Kann es gerecht sein, wenn Ungerechte und Gerechte gleichermaßen zugrunde gerichtet werden? An den erschreckenden Vorgängen im Moskauer Theater vor wenigen Wochen haben wir sehen können, wohin es führt, wenn diese Frage nicht gestellt wird. Gab es da keinen Abraham, der für das Überleben aller eintrat? Oder war der Gott unbekannt, mit dem darüber zu reden gewesen wäre?

Abraham wagt sich vor, wieder und wieder, bis an die Grenzen orientalischer Höflichkeit. Selbst wenn nur ein einziger Gerechter mitvernichtet würde, wäre für ihn die Gerechtigkeitsfrage gestellt. Allerdings hat Abraham schon bei 10 aufgehört. Mit gutem Sinn. Denn 10 bezeichnete die damals kleinste durchschnittliche Familiengröße. Das zeigt: Abraham denkt in Generationen - wie so viele hier im Wendland und im Widerstand. Das ist abrahamitisches Denken und Handeln!

Und diesem Denken, liebe Gemeinde, gibt der Gott unseres Glaubensbekenntnisses recht, der Schöpfer und Herr der Welt! Er läßt sich - wahrhaftig erstaunlich - darauf ein, läßt sich ein auf die Zumutung, seine Ratschlüsse zu ändern, läßt sich von der Gerechtigkeitsfrage als Generationenfrage erreichen. Wer sie stellt, gehört zum Abrahamsvolk, zum Gottesvolk. Aber sie ist nicht zu beantworten im demokratischen Deal zwischen Mehrheit und Minderheit. Nicht, wenn es um das Überleben geht!

Die Gerechtigkeitsfrage, als Generationenfrage betrachtet, wird nur beantwortet durch den Untergang aller oder durch Begnadigung aller. Das Weitermachen mit dem Atomstaat ist also wider-rechtlich beanspruchte, mißbrauchte Gnade, weil sie gleichzeitig den Untergang von Generationen in Kauf nimmt. Das war nicht Abrahams Ziel, als er Begnadigung anfragte. Er erfragte Gnade, damit das gottlose Treiben aufhöre.

Abrahamitisches Denken und Handeln - nichts scheint nötiger in einer Welt, die schon lange auf Kosten kommender Generationen lebt und in der immer wieder die einen - Mehrheiten oder Minderheiten - ihr eigenes Überleben durch Vernichtung anderer zu sichern suchen. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn alle drei abrahamitischen Religionen der Spur ihres gemeinsamen Stammvaters folgten!

Abrahamitisches Denken und Handeln - nichts ist auf Dauer stärker als das beharrliche Vertrauen auf den Gott, dem Gnade für alle und das Überleben aller über Strafen und Vernichten gehen und der uns ermutigt, dafür mit aller unserer Kraft einzutreten.

Sein Friede, der uns und unserer Vernunft eine Schutzmacht ist, bewahre unsere Gedanken und Entschlüsse davor, uns zu überschätzen oder uns entmutigen zu lassen, daß nichts und niemand uns von Jesus Christus trennen kann. Amen

 

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