"Was willst du, das dir geschehen soll?"

Text: „Sie waren nach Jericho gelangt Aber als Jesus die Stadt mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge wieder verlassen wollte, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, am Weg und bettelte. Er war blind. Als er aber hörte, daß es Jesus von Nazaret war, der vorbeikam, begann er laut zu schreien:„Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!"
Doch viele schalten ihn und wollten ihn zum Schweigen bringen. Er aber schrie um so lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!" Da blieb Jesus stehen und gebot: „Ruft ihn her!" Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: „Faß Mut! Steh auf! Er ruft dich!" Da warf der seinen Mantel ab, stellte sich wieder auf seine eigenen Füße und kam zu Jesus. Der sah ihn vor sich und fragte: "Was möchtest du, das ich für dich tun soll?" Der Blinde gab ihm zur Antwort: „Mein Meister, daß ich wieder sehen kann." Und Jesus, er spricht ihm zu: „Geh nur, dein großes Vertrauen hat dich gerettet" und augenblicklich konnte er wieder sehen und folgte Jesus auf seinem Wege." (Markus - Evangelium Kapitel 1o, Verse 45 - 52)

Unter den Eigenschaften resp. Fähigkeiten, die noch heute Jesus von Nazareth verbreitet zugeschrieben bzw. zugetraut werden, steht die seiner Allwissenheit an hoher Stelle. Selbst auf der Straße kann man es im Vorbeigehen nicht selten erleben, daß jemand, wenn er etwas gefragt wird, was seinen Kenntnisstand übersteigt, antwortet: „Bin ich Jesus?" Auch zu meiner eigenen religiösen Prägung gehört das Zutrauen zu Jesus, daß er schon weiß, was für mich gut ist, vielleicht sogar besser als ich selbst.

Vergleicht man unsere Geschichte und ähnliche wie z.B. die, in der Jesus einen chronisch Kranken als erstes fragt, ob er überhaupt gesund werden wolle, - vergleicht man also solche Berichte mit dem eingangs angesprochenen naiven Jesusglauben, so ist der Widerspruch offenkundig: Jesus wußte hiernach offensichtlich nicht von vornherein und in unbegrenzter Allwissenheit, was für den Blinden resp. für den Langzeitkranken gut war, geschweige denn, daß er es ohne weiteres Fragen sogleich in die Tat umgesetzt hätte.

Dabei ging es in jedem Falle um weit mehr als um körperliche Gebrechen. Es ging vor allem auch um die mit diesen verbundene soziale Lage der Kranken und Behinderten. Der chronisch Kranke am Teich, den ich erwähnte (Johannes 5,1ff), lebte doch in einer offenkundig gnadenlosen Wettbewerbsgesellschaft ohne Chance, weil ohne die in seinem Falle unerläßliche Hilfe eines andern Menschen. Vom Blinden am Weg in unserer Geschichte gilt ähnliches. Ausdrücklich wird ja erwähnt, daß er bettelte. Ein anderes Mittel zur Lebensfristung stand ihm offensichtlich nicht zu Gebote. Dies kennzeichnete seine soziale Situation. Er hat zwei Handicaps: eine Langzeitbehinderung - seine Blindheit - und eine u. U. täglich neu akute: sein Angewiesensein auf Betteln.

Wie würde wohl unsere Antwort ausfallen, wenn wir gefragt würden - jede und jeder von uns -, welche von beiden genannten Beeinträchtigungen wir für die schlimmere hielten? Sollten da einige unter uns sein, die sich für die Blindheit als das schwerere Übel entschieden, so würde ich die Vermutung wagen, daß sie glauben, sich für sich selbst die Not der Blindheit vorstellen zu können, während unsere Phantasie in der Regel für das Elend des Bettelns nicht ausreicht.

Doch auch der Blinde bittet auf die Frage Jesu hin zuerst, von seiner Blindheit frei zu werden. Das erscheint auch ihm am wichtigsten. Sicher ist ihm aber bewußt, daß dann auch das Betteln nicht mehr sein Schicksal sein muß. So will er vor allem sehen können. Das heißt zuallererst und entscheidend dies: selber steuern, selber planen, die Lage jeweils selbst einschätzen und sehend mündig-nüchtern eigene Entscheidungen treffen und ausführen zu können. Das ist auch mir von Grund auf wichtig. Wenn ich z.B. hinter einem Lastfahrzeug herfahre, welches mir die freie Sicht versperrt und damit die Möglichkeit nimmt, die Verkehrslage selbst einschätzen und über meine Fahrweise selbst entscheiden zu können, wird mir die Bedeutung des Sehens im genannten Sinne bewußt. Auch wenn es sehr anspruchsvoll klingen mag: so verstehe ich Mündigkeit: als Anspruch, aber auch als Pflicht, eigene Entscheidungen „sehend" treffen zu können und verantworten zu müssen.

Jesus nimmt diesen Anspruch, diese Bereitschaft des Blinden ernst. Er setzt sie (wieder) in Kraft. Der Blinde kann nun (wieder) sehen und sein Leben selbstverantwortlich führen, vielleicht erstmals in seinem Leben. Hat Jesus seine Bitte vielleicht deshalb erfüllt, weil ihr Inhalt mit seinem eigenen Verständnis menschlichen Daseins übereinstimmte, mit seinem Verständnis unserer Geschöpflichkeit? Wollte er den Blinden in die Lage versetzen, nach Gottes Absicht und Bestimmung zu leben, nämlich selbstverantwortlich? Wenn es so war - warum konnte oder wollte es Jesus aber nicht gleich und von sich aus tun? Warum zuerst seine Frage an den andern?

Ich möchte die Frage Jesu ernst nehmen als seinen Zugang zum andern, zumal zu einem in unwürdiger Lebenslage. Dann aber paßt sie mit der eingangs angesprochenen Annahme, Jesus wisse schon, was für uns gut sei, auch gut zusammen. Jesu Frage zeigt uns dieses Wissen sehr genau. Gut für uns - zumal für Menschen in schwieriger Lage - ist, so zeigt uns Jesus und so praktiziert er es auch, gefragt zu werden, was uns geschehen solle. Dies, die an uns gerichtete Frage ist gut für uns. Sie zeigt, wie Jesus sich den Weg zu unserm Wohl, ja, vielleicht zu unserm Heil, in jedem Fall zu unserm Herzen vorstellt. Gott setzt mit Jesus, was für uns gut und heilsam ist, nicht so durch, daß er es selbst entscheidet und durchführt, sondern daß er mit uns zuallererst einen Dialog beginnt, der die Frage nach uns und nach unsern vielleicht längst verschütteten Lebenshoffnungen und -entwürfen an den Anfang stellt. So bringt der Schöpfer seinem Geschöpf als erstes und wichtigstes Achtung entgegen. Er würdigt uns, danach gefragt zu werden. D.h. er setzt durch diese Frage unsere verlorene oder beschädigte Würde wieder in Kraft. Er überrollt uns nicht, selbst nicht mit Heilung. Er fragt. Er setzt uns ein in die Würde eines Geschöpfes, welches gefragt wird (vielleicht ist das der Unterschied zwischen Mensch und Tier).

Soll so nach Jesu Willen und Vorbild vielleicht der Anfang jedes menschenwürdigen und christusgemäßen Helfens aussehen, insbesondere des Helfens für Arme, Gedemütigte, Beeinträchtigte und ihrer Selbstbestimmung Beraubte? „Die Würde des Menschen ist unantastbar", sagt unser Grundgesetz - auch hierin in völliger Übereinstimmung mit dem biblischen Glauben.

1. Entsprechend unserer Geschichte im Markusevangelium ist eine Hilfe, die ohne Nachfrage beim Hilfebedürftigen bereits zu wissen meint, was für diesen gut sei, eine unwürdige Hilfe, eine Hilfe, welche Würde verletzt.

2. Zwischen einer solchen Hilfe und derjenigen Hilfe, die mit der Frage an den Pflege-bedürftigen einsetzt, liegt ein himmelweiter Unterschied (die Betroffenen wissen es am besten).

3. Als Gefragter bleibt der Kranke resp. Arme, gerade wenn er Hilfe erfährt, selbstbestimmt (aus dem gleichen Grunde gilt bei der Patientenverfügung über das Unterlassen lebensverlängernder Sterbehilfen ausschließlich der erklärte Wille des Patienten).

Die Frage „willst du gesund werden" resp. „was willst du, das dir geschehen soll," kann als Ausdruck und Mittel aktivierender Pflege verstanden werden. Sie regt die Pflegebedürf-tigen, Gealterten, Armen und Hilfebedürftigen an, sich über sich selbst und über eigene Wünsche und Vorstellungen klar zu werden. Dies kann nicht zuletzt auch und gerade bei mental beeinträchtigten Menschen von großer Bedeutung sein.

5. Im Sinne der eingangs getroffenen Beobachtungen bedeutet die genannte Frage an die Hilfebedürftigen den Verzicht der HelferInnen darauf, alles Notwendende selbst zu wissen. Sie bedeutet den Verzicht darauf, zu sein wie Gott.

6. Jesu Frage an den blinden Bettler leitet die Helfer ebenso wie die Hilfebedürftigen an zur Menschwerdung. Sie unterwirft den Schwächeren nicht, sondern weist ihm den Weg zur wieder wahrgenommenen Selbstbestimmung und -verantwortung. Sie lehrt die Helfer, auf diese durch die Frage wieder in ihr Recht versetzte Mündigkeit des Hilfesuchenden zu vertrauen. Einen besseren Schutz für Menschlichkeit und Würde helfender Beziehungen kann ich mir nicht vorstellen.

 

 

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